11 April 2026, 10:12

Europas Arzneimittelversorgung wankt: Experten fordern radikale Reformen

Plakat, das zeigt, dass Amerikaner für dieselben Medikamente zwei bis drei Mal so viel bezahlen wie andere Länder, mit Flaschen und einer Spritze.

Europas Arzneimittelversorgung wankt: Experten fordern radikale Reformen

Europas Arzneimittellieferkette steht in der Kritik

Auf der jüngsten Konferenz des Handelsblatts geriet die Arzneimittelversorgung Europas in die Schusslinie. Branchenführer und Vertreter der Krankenkassen diskutierten, wie die Widerstandsfähigkeit des Systems angesichts wachsender Verwundbarkeiten gestärkt werden kann. Im Mittelpunkt standen die zu starke Abhängigkeit vom globalen Schiffsverkehr, Strategien für Vorratslager sowie die Notwendigkeit einer lokalen Produktion.

Tim Steimle, Leiter des Pharmabereichs bei der Techniker Krankenkasse, bestätigte, dass Deutschland sein Ziel erreicht habe, Arzneimittelvorräte für sechs Monate anzulegen. Kerem Inanc, Geschäftsführer von Alliance Healthcare Deutschland, wies dies jedoch als unzureichend zurück. Seiner Meinung nach müsse die Gesellschaft klare Ziele und Finanzierungsmodelle definieren und sich auf konkrete Krisenszenarien vorbereiten – statt sich auf willkürlich festgelegte Reserven zu verlassen.

Dr. Kai Joachimsen, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Arzneimittel-Hersteller (BAH), warnte davor, die Schwächen Europas zu unterschätzen. Er betonte, dass Investitionen in Forschung und Produktion unverzichtbar seien, und schlug vor, Mittel durch den Abbau von Ineffizienzen oder Sonderhaushalte des Bundes zu beschaffen. Zudem argumentierte er, dass Gesundheits-, Industrie- und Sicherheitspolitik heute nicht mehr voneinander zu trennen seien.

Thomas Weigold, Deutschlandchef von Sandoz/Hexal, verwies auf die starke Abhängigkeit Europas von China bei Antibiotika und Generika. Er forderte, dass kritische Arzneimittel als Teil der deutschen Sicherheitsarchitektur behandelt werden müssten, und plädierte für mehr lokale Produktion. Weigold kritisierte zudem die Haltung "Handel zuerst, nicht EU zuerst" und betonte, dass Generika-Hersteller die Kosten senken und gleichzeitig die Eigenversorgung stärken könnten.

Steimle hinterfragte, ob eine Umkehr der Globalisierung die Lösung sei, räumte aber ein, dass Rabattverträge zunehmend durch umfassendere Versorgungsvereinbarungen ersetzt würden – wenn auch nicht bei Kinderarzneimitteln. Er begrüßte das geplante Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien, warnte jedoch vor möglichen Handelskonflikten. Inanc hingegen bestritt, dass Logistik allein die Widerstandsfähigkeit sichern könne, und forderte mehr Produktion innerhalb Europas, um die Abhängigkeit von globalen Schiffsrouten zu verringern.

Joachimsen argumentierte zudem, dass die Bevorratung für Generika-Hersteller wenig sinnvoll sei. Er stimmte Steimle zu, dass Rabattverträge weniger wirksam seien als offene Rahmenvereinbarungen, während Steimle entgegenhielt, dass solche Verträge den Wettbewerb nicht einschränkten.

Die Debatte machte deutlich: Europas Arzneimittellieferkette erfordert dringendes Handeln. Die Forderungen nach lokaler Produktion, klarer Krisenplanung und gesicherter Finanzierung dominierten die Diskussion. Die Experten waren sich einig, dass die Verringerung der Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten und die Einstufung von Arzneimitteln als Sicherheitspriorität entscheidende Schritte sind.

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