07 May 2026, 12:19

Halberstadts verlorene jüdische Geschichte und die halbherzige DDR-Aufarbeitung

Rechteckige Plakette an einer Steinwand mit der Inschrift "Adolf Abraham".

Halberstadts verlorene jüdische Geschichte und die halbherzige DDR-Aufarbeitung

Halberstadts jüdische Geschichte reicht Jahrhundert zurück – doch vieles davon wurde in der NS-Zeit ausgelöscht. Die Stadt, einst ein Zentrum des neo-orthodoxen Judentums, sah ihre Gemeinde zwischen 1938 und 1942 zerstört. Jahrzehnte später blieben die Versuche der DDR, dieses Erbe aufzuarbeiten, halbherzig, wie ein neues Buch von Philipp Graf zeigt.

Die Zerstörung der Halberstädter Synagoge in der Nacht vom 9. November 1938 markierte den Beginn der systematischen Auslöschung jüdischen Lebens in der Stadt. In den folgenden vier Jahren wurde die einst blühende Gemeinde nach und nach vernichtet. 1961 lebte nur noch ein Jude in Halberstadt: Willy Calm, der als offizieller Ansprechpartner für die letzten Reste der Gemeinde fungierte.

In der Nähe befand sich das Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge, in dem während des Krieges Tausende Zwangsarbeiter interniert waren. 1949 entstand auf dem Gelände eine Gedenkstätte für die Opfer. Zwanzig Jahre später wurde der Ort umgestaltet – zu einer Stätte politischer Loyalitätsbekundungen. Die neue Anlage stand direkt über den Gräbern der Häftlinge.

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In den 1970er-Jahren wurden die unterirdischen Tunnel des Lagers als militärisches Depot für die Nationalen Volksarmee der DDR zweckentfremdet. Gleichzeitig bewahrte die Kulturszene der DDR Fragmente jüdischen Erbes: Die niederländische Widerstandskämpferin Lin Jaldati, die sich 1952 in Ost-Berlin niederließ, veröffentlichte dort drei Langspielplatten. Romane von Peter Edel und Jurek Becker hielten jüdische Stimmen in der DDR-Literatur lebendig.

Doch wie Philipp Graf in „Verweigerte Erinnerung“ argumentiert, scheiterten die antifaschistischen Bemühungen der DDR daran, die Vergangenheit wirklich aufzuarbeiten. Selbst in jüngster Zeit tauchten alte Vorurteile wieder auf: Als 2018 die Halberstädter Rathauspassagen verkauft wurden, gab es Stimmen, die von einem „Verkauf an die Juden“ sprachen – ein Zeichen dafür, wie tief die Geschichte noch nachwirkt.

Heute wird Halberstadts jüdische Vergangenheit nur noch in Fragmenten bewahrt: in Büchern, Gedenkstätten und verstreuten Archivalien. Die Synagoge ist verschwunden, die Gemeinde verloren, und die Tunnel des Konzentrationslagers dienen nun anderen Zwecken. Was bleibt, ist ein kompliziertes Erbe – eines, mit dem sich die DDR nie vollständig auseinandersetzte und das die Region bis heute prägt.

Quelle