16 January 2026, 14:12

Reclam revolutioniert den Kanon: Songtexte neben Goethe und Schiller

Ein aufgeschlagenes Buch, das eine Seite aus einer deutschen Handschrift mit Text und Notenschrift zeigt.

Reclam revolutioniert den Kanon: Songtexte neben Goethe und Schiller

Der Stuttgarter Verlag Reclam hat begonnen, moderne Songtexte in seine klassische Literaturreihe aufzunehmen. War die Sammlung einst Goethe und Schiller vorbehalten, sind nun Bands wie Die Ärzte und Tocotronic vertreten. Der Schritt markiert einen Wandel dessen, was als grundlegender Bestandteil der deutschen Kultur gilt.

Im vergangenen Jahr verkauften sich Die Ärzte mit ihren Texten sogar besser als Goethes Faust – ein Novum für den Verlag. Die neuen Ausgaben stehen nun neben den traditionellen Werken, doch Kritiker bemerken, dass Frauen in diesem aktualisierten Kanon weiterhin unterrepräsentiert bleiben.

Reclams gelb-schwarze Heftchen prägen seit langem das literarische Selbstverständnis Deutschlands. Jahrzehntelang veröffentlichte der Verlag ausschließlich etablierte Namen wie Lessing oder Heine. Jetzt gesellen sich Pop- und Rocktexte zu den Klassikern.

Das Heft mit den Texten von Die Ärzte entwickelte sich 2023 zu einem der meistverkauften Titel des Verlages. Ihr spielerischer, respektloser Stil – eine Mischung aus Anspielungen auf das Hubble-Teleskop und Modikonen wie Lagerfeld – steht in scharfem Kontrast zu den klassischen Texten. Auch Bob Dylans Lyrik ist in einer rot umschlagenen Ausgabe erschienen, die ihn trotz seines weltweiten Einflusses als "fremdsprachiges" Werk kennzeichnet.

Noch in diesem Jahr wird Reclam Bände mit Texten von Herbert Grönemeyer und der verstorbenen Rosenstolz-Sängerin AnNa R. veröffentlichen. Doch wie beim alten Kanon bleiben Künstlerinnen eine Seltenheit. Eine Ausnahme bildet Judith Holofernes von Wir sind Helden – ihre für 2025 angekündigte Biografie Die Träume anderer Leute stieg direkt auf die Bestsellerlisten.

Unterdessen wagt sich der französische Autor Michel Houellebecq in die Musik: Er kündigte ein neues Album und eine Tour an. Dieser Schritt spiegelt eine zunehmende Verwischung der Grenzen zwischen Literatur, Poesie und Popkultur wider.

Reclams Entscheidung rückt moderne Musiker auf eine Stufe mit den literarischen Giganten Deutschlands. Die Texte von Die Ärzte genießen nun denselben Status wie Klassiker des 19. Jahrhunderts. Doch das Ungleichgewicht der Geschlechter im Kanon besteht fort – ein Erbe der älteren Traditionen.

Die nächsten Veröffentlichungen des Verlages werden zeigen, ob sich dieser Trend durchsetzt. Vorerst teilen sich Songwriter und Dichter die Regale – und verändern damit, wie Deutschland sein kulturelles Erbe definiert.

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