22 December 2025, 14:26

"Salome" von Evgeny Titov: Allgegenwärtiges Verlangen

Drei Frauen auf der Bühne, die Geigen spielen, mit Notenpulten und Noten davor, während ein Zuschauer im Vordergrund sitzt und zuhört; eine Uhr hängt an der weißen Wand im Hintergrund, und ein weißer Vorhang ist links sichtbar.

"Salome" von Evgeny Titov: Allgegenwärtiges Verlangen

"Salome" von Evgeny Titov: Allgegenwärtiges Begehren

Was tun mit einem Skandalwerk von vor 100 Jahren, wenn der Skandal verflogen ist? An der Komischen Oper Berlin präsentiert Evgeny Titov eine neue Interpretation von Richard Strauss’ Salome – gesangsfreundlich inszeniert.

Berlin, 28. November 2025

Die Komische Oper Berlin hat eine mutige Neuinszenierung von Salome vorgestellt, geregiet von Evgeny Titov. Die Produktion deutet Richard Strauss’ skandalumwittertes Opernwerk von 1900 neu – mit einer markanten, matt-goldenen Gewölbekulisse und einer provokanten BDSM-Party-Ästhetik. Doch trotz ihrer kühnen Entscheidungen verliert die Inszenierung mitunter den Halt in den düstereren Momenten der Handlung.

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Strauss’ Salome war einst so umstritten, dass die Wiener Hofoper sie verbot. Die intensiven Themen von Begierde und Macht stehen nun im Mittelpunkt von Titovs Deutung. Seine Vision entindividualisiert Salome, ersetzt sie durch mehrere maskierte Tänzer:innen, die ihre Bewegungen spiegeln. Diese Entscheidung reduziert sie zu einer figurativen Gestalt ohne Eigenständigkeit, gefangen in einer Welt zwanghafter Sehnsucht.

Das Bühnenbild, gestaltet von Rufus Didwiszus, dominiert mit seinem schroffen, matt-goldenen Gewölbe die Szene. Es schafft eine tückische Landschaft für das Ensemble, besonders für Nicole Chevalier in der Titelrolle. Sie bewegt sich über das unebene Terrain, während sie Strauss’ anspruchsvolle Gesangslinien über die gewaltige Orchestrierung der Oper hinweg meistert. Die Musik selbst bleibt packend – mit straffer Dramaturgie und sofort erkennbaren Leitmotiven, die sich durch die Partitur ziehen. Matthias Wohlbrechts Herod sticht mit einem schneidend-scharfen Stimmklang hervor, der die Angst und Grausamkeit der Figur unterstreicht.

Titovs Inszenierung setzt stark auf Begierde als treibende Kraft: Fast jede Figur sucht nach Kontrolle oder Halt bei denen, die sich ihr entziehen. Doch die BDSM-inspirierte Hofästhetik verblasst in entscheidenden Momenten, sodass einige Szenen wirken, als wären sie aus dem Konzept gefallen. Weitere Vorstellungen sind für den 7., 12. und 18. Dezember angesetzt, zusätzlich gibt es eine Aufführung am 27. Dezember 2025 um 19:30 Uhr.

Die Salome der Komischen Oper bietet ein optisch beeindruckendes und musikalisch kraftvolles Erlebnis. Titovs Regie geht Risiken ein – wenn auch nicht alle durchgehend aufgehen. Wer sich für gewagte Neudeutungen klassischer Opern begeistert, wird hier eine sehenswerte, wenn auch nicht fehlerfreie Version vorfinden.