Verlorene Blicke: Wie Lörrachs NS-Fotos die Zuschauer der Deportation tilgten
Sandro GuteVerlorene Blicke: Wie Lörrachs NS-Fotos die Zuschauer der Deportation tilgten
Eine Reihe beklemmender Fotografien aus dem Jahr 1940 ist nun ausgestellt – sie zeigen die Deportation der jüdischen Gemeinde Lörrachs. Die Aufnahmen halten fest, wie Sicherheitskräfte jüdischen Männern und Frauen Befehle erteilen, während Kinder und Erwachsene aus der Ortschaft zusehen. Doch in den weit verbreiteten Versionen dieser bildersuche wurden die Zuschauer herausgeschnitten – und damit die Spuren derer getilgt, die tatenlos zusahen.
Die Historikerin Alina Bothe hat mit ihrem Projekt Letzte Spuren inzwischen die ungekürzten Originale wiederentdeckt und viele der jüdischen Opfer identifiziert – doch weder Täter noch Zuschauer konnten bis heute namentlich bestimmt werden. Der Fall wirft erneut die Frage auf, wie bereit Deutschland ist, sich mit der eigenen desenio in den NS-Verbrechen auseinanderzusetzen.
Die Fotografien entstanden während der gewaltsamen Vertreibung der Lörracher Juden im Oktober 1940. Sie zeigen Polizisten, die die Opfer dirigieren, umgeben von Menschenmengen – manche neugierig, andere gleichgültig. Im Laufe der Zeit wurden die Bilder bearbeitet, die Zuschauer herausgeschnitten, sodass nur noch die jüdischen Familien zu sehen waren. Bothe hat die ursprünglichen Aufnahmen rekonstruiert, doch die Identität der Zuschauer bleibt unbekannt.
Auf einer kürzlich von Amcha veranstalteten Konferenz mit dem Titel Nie befreit? diskutierten Expert:innen die Behandlung von Holocaust-Überlebenden nach 1945. Der Psychotherapeut Yuriy Nesterko warnte, keine deutsche Familie könne sich sicher sein, von den Verbrechen jener Zeit unberührt geblieben zu sein. Er rief Nachkommen dazu auf, sich zu fragen, was ihre Großeltern während der NS-Zeit getan – oder nicht getan – hätten. Der Medizinhistoriker Christian Pross erinnerte daran, wie Überlebende später von ehemaligen Nazis erniedrigenden Untersuchungen unterzogen wurden, bei denen ihre körperlichen und seelischen Verletzungen wie an Versuchsobjekten begutachtet wurden.
Die Veranstaltung thematisierte auch die anhaltenden Kämpfe derer, die den Holocaust überlebt haben. Elke Gryglewski, Leiterin der Gedenkstätte Bergen-Belsen, berichtete, sie habe Hasspost für ihre Arbeit zur Bewahrung der NS-Geschichte erhalten. Gleichzeitig teilte die Claims Conference mit, dass im Januar 2026 weltweit noch etwa 196.600 Überlebende leben, die Hälfte davon in Israel. Ihr Medianalter liegt mittlerweile bei 87 Jahren – das bedeutet, fast alle sind als Kinder vor 1928 oder später geboren.
Für viele bleibt die Existenz Israels eine lebenswichtige Quelle der Sicherheit. Doch die Konferenz unterstrich, wie wenig Unterstützung Überlebende nach ihrer Befreiung erhielten – und welche tiefen, bleibenden Traumata daraus erwuchsen.
Die manipulierten Fotografien aus Lörrach sind ein erschütterndes Mahnmal dafür, wie Geschichte umgeschrieben werden kann, um unangenehme Wahrheiten zu verschleiern. Während Projekte wie Letzte Spuren vielen jüdischen Opfern ihren Namen zurückgegeben haben, bleiben die Täter und Zuschauer auf diesen Bildern anonym. Angesichts der Tatsache, dass weniger als 200.000 Überlebende noch am Leben sind, wächst die Dringlichkeit, ihre Erfahrungen zu dokumentieren – und gleichzeitig das Schweigen derer zu brechen, die wegschauten.
