Verlorene Blicke: Wie Lörrachs NS-Fotos die Zuschauer der Deportation tilgten

Sandro Gute
Sandro Gute
3 Min.
Ein Feld rechteckiger Betonplatten in verschiedenen Höhen, die in einem Gittermuster angeordnet sind, bekannt als Holocaust-Mahnmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin, Deutschland.Sandro Gute

Verlorene Blicke: Wie Lörrachs NS-Fotos die Zuschauer der Deportation tilgten

Eine Reihe beklemmender Fotografien aus dem Jahr 1940 ist nun ausgestellt – sie zeigen die Deportation der jüdischen Gemeinde Lörrachs. Die Aufnahmen halten fest, wie Sicherheitskräfte jüdischen Männern und Frauen Befehle erteilen, während Kinder und Erwachsene aus der Ortschaft zusehen. Doch in den weit verbreiteten Versionen dieser bildersuche wurden die Zuschauer herausgeschnitten – und damit die Spuren derer getilgt, die tatenlos zusahen.

Die Historikerin Alina Bothe hat mit ihrem Projekt Letzte Spuren inzwischen die ungekürzten Originale wiederentdeckt und viele der jüdischen Opfer identifiziert – doch weder Täter noch Zuschauer konnten bis heute namentlich bestimmt werden. Der Fall wirft erneut die Frage auf, wie bereit Deutschland ist, sich mit der eigenen desenio in den NS-Verbrechen auseinanderzusetzen.

Die Fotografien entstanden während der gewaltsamen Vertreibung der Lörracher Juden im Oktober 1940. Sie zeigen Polizisten, die die Opfer dirigieren, umgeben von Menschenmengen – manche neugierig, andere gleichgültig. Im Laufe der Zeit wurden die Bilder bearbeitet, die Zuschauer herausgeschnitten, sodass nur noch die jüdischen Familien zu sehen waren. Bothe hat die ursprünglichen Aufnahmen rekonstruiert, doch die Identität der Zuschauer bleibt unbekannt.

Auf einer kürzlich von Amcha veranstalteten Konferenz mit dem Titel Nie befreit? diskutierten Expert:innen die Behandlung von Holocaust-Überlebenden nach 1945. Der Psychotherapeut Yuriy Nesterko warnte, keine deutsche Familie könne sich sicher sein, von den Verbrechen jener Zeit unberührt geblieben zu sein. Er rief Nachkommen dazu auf, sich zu fragen, was ihre Großeltern während der NS-Zeit getan – oder nicht getan – hätten. Der Medizinhistoriker Christian Pross erinnerte daran, wie Überlebende später von ehemaligen Nazis erniedrigenden Untersuchungen unterzogen wurden, bei denen ihre körperlichen und seelischen Verletzungen wie an Versuchsobjekten begutachtet wurden.

Die Veranstaltung thematisierte auch die anhaltenden Kämpfe derer, die den Holocaust überlebt haben. Elke Gryglewski, Leiterin der Gedenkstätte Bergen-Belsen, berichtete, sie habe Hasspost für ihre Arbeit zur Bewahrung der NS-Geschichte erhalten. Gleichzeitig teilte die Claims Conference mit, dass im Januar 2026 weltweit noch etwa 196.600 Überlebende leben, die Hälfte davon in Israel. Ihr Medianalter liegt mittlerweile bei 87 Jahren – das bedeutet, fast alle sind als Kinder vor 1928 oder später geboren.

Für viele bleibt die Existenz Israels eine lebenswichtige Quelle der Sicherheit. Doch die Konferenz unterstrich, wie wenig Unterstützung Überlebende nach ihrer Befreiung erhielten – und welche tiefen, bleibenden Traumata daraus erwuchsen.

Die manipulierten Fotografien aus Lörrach sind ein erschütterndes Mahnmal dafür, wie Geschichte umgeschrieben werden kann, um unangenehme Wahrheiten zu verschleiern. Während Projekte wie Letzte Spuren vielen jüdischen Opfern ihren Namen zurückgegeben haben, bleiben die Täter und Zuschauer auf diesen Bildern anonym. Angesichts der Tatsache, dass weniger als 200.000 Überlebende noch am Leben sind, wächst die Dringlichkeit, ihre Erfahrungen zu dokumentieren – und gleichzeitig das Schweigen derer zu brechen, die wegschauten.

Neueste Nachrichten
Das Essenerhof Hotel in Berlin, Deutschland, ein mehrstöckiges Gebäude mit Fenstern, Türen, Säulen und einem Namensschild, mit einer Straße und Fahrzeugen davor und einem klaren Himmel im Hintergrund.
Promis 2 Min.

Hanka Rackwitz startet mit Dorfgaststätte in Sachsen-Anhalt durch

Vom Fernsehstar zur Gastwirtin: Hanka Rackwitz gibt ihrem Leben eine überraschende Wendung. Mit Kegelbahn, Bücherecke und viel Herz wird ihr historisches Haus in Freist bald zum Treffpunkt.

Eine Reihe von Fahrrädern, die an der Straße geparkt sind, mit einem Bus im Hintergrund, Menschen auf dem Gehweg, ein Baum und Gebäude mit Fenstern in der Ferne.
Klimawandel 1 Min.

Bad Krozingen baut moderne Fahrradabstellanlagen am Bahnhof der Deutschen Bahn

Pendler in Bad Krozingen profitieren bald von sicheren Fahrradparkplätzen direkt am Bahnhof. Doch wie wirkt sich das auf den Autoverkehr aus? Ein Projekt mit Vorbildcharakter.

Ein Collage von vier lachenden Menschen verschiedenen Alters, Geschlechts und Ethnien mit dem Text "International Education Week" in der Mitte.
Wirtschaft 2 Min.

Universität Hohenheim wird drittes Mal für Vielfalt und Inklusion geehrt

Wie schafft es eine Uni, Jahr für Jahr zum Vorbild für Chancengleichheit zu werden? Die Hohenheimer Strategie überzeugt – mit messbaren Erfolgen und klaren Werten.

Ein Plakat mit zwei Personen vor einer Berglandschaft mit Bäumen und dem Text "Was unser Freihandel bedeutet - Britischer Granit Arbeiter - Die Fair-Wage-Klausel ist in Ordnung, aber ich will Arbeit."
Allgemeine Nachrichten 2 Min.

Grüne siegen knapp bei der Bundestagswahl in Baden-Württemberg – doch jetzt kommt der DGB-Druck

Ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit überraschendem Ausgang. Doch während die Grünen jubeln, stellt der DGB Forderungen, die die neue Regierung vor harte Proben stellen werden.

Ein Mann in einem schwarzen Blazer und Brille steht an einem Podium mit zwei Mikrofonen, einem Glas Wasser, einem Buch und einem blauen Tuch und hält eine Rede vor einer hölzernen Wand.
Unterhaltung 2 Min.

Vom "Hitler von Köln" zum Aufklärer: Axel Reitz bricht sein Schweigen

Er war der gefürchtete Neonazi – heute kämpft er gegen Hass. Axel Reitz' schonungslose Schilderungen in Ich war der Hitler von Köln zeigen, wie nah Extremismus und Ausstieg beieinanderliegen.

Eine Stadtstraße mit einer Bahnschiene, hohen Gebäuden, Fahrzeugen, Fußgängern, Strommasten, Ampeln, Schildern, Bäumen und einem klaren blauen Himmel.
Lifestyle 2 Min.

Deutsche Bahn investiert 50 Millionen Euro für mehr Sicherheit an großen Bahnhöfen

Mehr Sicherheitskräfte, schnellere Reparaturen und saubere Bahnhöfe: Die DB setzt auf eine Offensive für Fahrgäste. Stuttgart profitiert als einer der ersten Standorte.

Eine alte Zeitung mit der Schlagzeile "Detektiv, Chicago, Hauptstadt des Verbrechens" und ein Bild einer belebten Straße mit Fahrzeugen und Gebäuden im Hintergrund.
Unfälle 2 Min.

Chaos-Wochenende: Polizei in Reutlingen und Esslingen im Dauereinsatz gegen Diebe und Raser

Einbruch in die Katharinenstraße, 200 km/h in der 120er-Zone und ein Exhibitionist am Baggersee. Die Polizei ermittelt in mehreren spektakulären Fällen. Was steckt hinter der Kriminalwelle?

Eine Deutschlandkarte mit in rot und blau hervorgehobenen Bundesländern, die die Ergebnisse der Wahl von 2016 zeigen, einschließlich der Namen der Kandidaten und des Wahltermins.
Allgemeine Nachrichten 2 Min.

Söder ignoriert CDU-Niederlage in Baden-Württemberg und setzt auf Wirtschaftskurs

Eine peinliche Kampagne, zwei umstrittene Videos – und trotzdem behauptet Söder: Die Union gehe "gestärkt" aus der Wahl. Doch was kommt nach dem Eklat um Manuel Hagel? Die Grünen jubeln, die CDU rechnet ab. Doch der CSU-Chef lenkt den Blick schon auf den nächsten Machtkampf: den Bundesrat.

Neueste Nachrichten